Eine Frau rechnet ihre Schulden mit einem Taschenrechner aus
Wissen

Dauer der Privatinsolvenz: Wann ist man wieder schuldenfrei?

Detlev Neumann
von Detlev Neumann, 10.01.2022

Arbeitslosigkeit, Scheidung, Krankheit ‒ viele Wege können Verbraucher*innen in die Schuldenfalle führen. Darin ist es nicht gerade gemütlich: Die Gläubiger machen Druck, negative Schufaeinträge nerven und vielleicht klopfen schon Gerichtsvollzieher*innen an. Retter in der finanziellen Not kann eine Privatinsolvenz sein. Das Verfahren dauert in der Regel drei Jahre. Wann es länger dauern kann und wo Sie professionelle Hilfe bekommen, zeigen die KlarMacher.

Themen in diesem Artikel

Auf den Punkt

Auf den Punkt

  • Für Insolvenzverfahren gilt seit dem 1. Oktober 2020: Nach drei Jahren werden Ihnen im Idealfall alle restlichen Schulden erlassen.
  • Für Verfahren, die nach dem 17. Dezember 2019 und vor dem 1. Oktober 2020 eröffnet wurden, gelten Übergangsregelungen: Die Dauer beträgt zwischen vier und fünf Jahren plus ein paar Monate ‒ abhängig vom Antragszeitpunkt.
  • Für die zweite Privatinsolvenz gilt: Wurde Ihnen nach dem 1. Oktober 2020 bereits einmal die Restschuld erlassen, können Sie frühestens nach drei Jahren erneut Insolvenz beantragen. Diese dauert dann fünf Jahre.

Wie lange dauert es bis zur Restschuldbefreiung?

Irgendwann können Schulden so hoch sein, dass sie praktisch nicht mehr zu begleichen sind. Dann sind Betroffene zahlungsunfähig und damit überschuldet. In dem Fall ist oft eine Privatinsolvenz (oder auch Verbraucherinsolvenz genannt) der letzte Ausweg. Allerdings ein langer: Bis man schuldenfrei ist, vergehen drei Jahre. Und auch danach bleibt noch der Schufa-Eintrag drei Jahre stehen. Immerhin: Alle Schulden, die dann noch offen sind, werden einem in der Regel erlassen. Diese sogenannte „Restschuldbefreiung“ ist aber an Auflagen gebunden, die man zumindest teilweise erfüllen muss. Mehr dazu lesen Sie hier im letzten Abschnitt.

Wichtig zu wissen: Selbstständige können nur unter bestimmten Voraussetzungen eine Privatinsolvenz anmelden. Sie dürfen zum Beispiel bei der Antragstellung nicht mehr als 20 Gläubiger haben.

@tagesschau

Meine Zustimmung kann ich jederzeit unter Datenschutz widerrufen.

© tagesschau 

Die Dauer bis zur Restschuldbefreiung hängt vom Antragsdatum ab:

  • Der Regelfall von drei Jahren gilt für alle Insolvenzverfahren, die nach dem 1. Oktober 2020 beantragt wurden. 

Für Verfahren, die zwischen dem 17. Dezember 2019 und dem 30. September 2020 begonnen haben, gibt es eine Übergangsregelung. Die Privatinsolvenz dauert dann jeweils so lange:

  • Antrag ab 17. Dezember 2019: 5 Jahre 7 Monate
  • Antrag ab 17. Januar 2020: 5 Jahre 6 Monate
  • Antrag ab 17. Februar 2020: 5 Jahre 5 Monate
  • Antrag ab 17. März 2020: 5 Jahre 4 Monate
  • Antrag ab 17. April 2020: 5 Jahre 3 Monate
  • Antrag ab 17. Mai 2020: 5 Jahre 2 Monate
  • Antrag ab 17. Juni 2020: 5 Jahre 1 Monat
  • Antrag ab 17. Juli 2020: 5 Jahre 0 Monate
  • Antrag ab 17. August 2020: 4 Jahre 11 Monate
  • Antrag ab 17. September bis 30. Oktober 2020: 4 Jahre 10 Monate

Wurde das Verfahren vor dem 17. Dezember 2019 beantragt, gilt immer noch die frühere Frist von sechs Jahren bis zur Restschuldbefreiung. Die Dauer kann sich aber durch die Erfüllung bestimmter Bedingungen auf drei oder fünf Jahren verkürzen, etwa wenn Sie mindestens 35 Prozent Ihrer Schulden getilgt haben.

Und wenn Sie nach einer ersten Privatinsolvenz noch einmal zu viele Schulden angehäuft haben? Bei einer zweiten Insolvenz dauert das Verfahren ebenfalls länger ‒ nämlich fünf Jahre. Aber dies gilt nur, wenn Sie beim ersten Mal von Ihrer Restschuld befreit wurden.

Familien in der Schuldenfalle | SWR Zur Sache! Baden-Württemberg

Klicken Sie hier, um die Inhalte von YouTube anzuzeigen.

Meine Zustimmung kann ich jederzeit unter Datenschutz widerrufen.

© SWR 

Wo und wie finden Sie eine seriöse Schuldnerberatung?

Sie sind auf dem Weg in die Schuldenfalle oder stecken schon drin? Und eine Privatinsolvenz scheint der einzige Ausweg zu sein? Voraussetzung für den Insolvenzantrag ist, dass Sie vorher mit professioneller Hilfe versucht haben, sich mit den Gläubigern außergerichtlich zu einigen ‒ und es nicht geklappt hat. Dafür benötigen Sie auch eine offizielle Bestätigung von der Beratungsperson. Deswegen sollten Sie sich frühzeitig an eine anerkannte Schuldner- oder Insolvenzberatung wenden. Denn die Wartezeiten sind lang ‒ teilweise mehrere Wochen. Zudem melden laut dem Datenportal Statista immer mehr Verbraucher Insolvenz an.

In der Regel sind die gemeinnützigen Beratungen kostenlos. Die Verbraucherzentrale hat eine ausführliche Checkliste erstellt, wie Sie seriöse Anbieter erkennen. Und auf der Website des Statistischen Bundesamtes finden Sie eine Übersicht der Beratungsstellen.

Auch Anwält*innen können bei einer Privatinsolvenz helfen. Der Vorteil: Keine oder zumindest kürzere Wartezeit. Der Nachteil: Deren Beratung kostet Geld. Man kann zwar beim Amtsgericht eine Bewilligung der Beratungshilfe beantragen. Aber nur wenn der Antrag akzeptiert wird, übernimmt der Staat die Kosten für die anwaltliche Beratung.

Ablauf der Verbraucherinsolvenz in Kürze

Ablauf der Verbraucherinsolvenz in Kürze

  • Sie müssen zuerst mit anwaltlicher Hilfe oder der Unterstützung von einer Beratungsstelle versuchen, sich mit Ihren Gläubigern über den Schuldenabbau zu einigen.
  • Wenn keine Einigung gelingt, wird mit einem Antrag ein Insolvenzverfahren eröffnet.
  • Alles, was von Ihrem Besitz gepfändet werden darf, geht an die Gläubiger.
  • Danach beginnt die Wohlverhaltensphase, in der Sie Ihren Verpflichtungen nachkommen sollen.
  • Ziel ist die Restschuldbefreiung am Ende der Privatinsolvenz ‒ in der Regel nach drei Jahren.

Wann beginnt die Wohlverhaltensphase?

Die drei Jahre der Privatinsolvenz einfach aussitzen? In Saus und Braus über die Verhältnisse leben und während der Zeit nichts zurückzahlen? Eine schlechte Idee. Denn nach dem Abschluss des Insolvenzverfahrens wird die sogenannte Wohlverhaltensphase gerichtlich eingeleitet ‒ mit dem Ziel der Restschuldbefreiung. Für die säumigen Zahler*innen ist die Wohlverhaltensphase eine Art Bewährungsprobe. Sie ist der entscheidende Faktor bei der Frage, ob man nach drei Jahren von der Restschuld befreit wird.

Verpflichtungen in der Wohlverhaltensphase

Wer sich in der Wohlverhaltensphase nicht bemüht, seine finanziellen Verpflichtungen wenigstens teilweise abzubauen, dem streicht das Insolvenzgericht am Ende die Restschuldbefreiung. Und wem die Schulden selbst nach drei Jahren in der Privatinsolvenz nicht erlassen werden, dem droht schnell (erneut) die Zwangsvollstreckung. Eine weitere Privatinsolvenz lässt sich erst nach frühestens drei Jahren beantragen.

Zu den Bedingungen gehört unter anderem auch die Pflicht zur sogenannten Erwerbsobliegenheit. Das bedeutet, dass die Schuldner*innen einer angemessenen Arbeit nachgehen sollen. Haben sie keine, müssen sie sich eine suchen. Von Ihrem Gehalt haben die Schuldner*innen den jeweils pfändbaren Anteil an ihren oder ihre Insolvenzverwalter*in abzugeben. Diese Person teilt dann das Geld unter den Gläubigern auf. Auch auf Einkäufe auf Pump wie über Ratenkaufverträge und Kreditkarten müssen Sie in dieser Zeit verzichten.

Pfändung in der Wohlverhaltensphase

Damit Sie trotz Schulden noch genug Geld für Miete, Essen, Strom und alles weitere Lebenswichtige haben, steht jedem ein Grundfreibetrag von 1.259,99 Euro pro Monat zu (Stand: 2021). Je nachdem, ob eine Unterhaltspflicht besteht oder staatliche Sozialleistungen bezogen werden, kann der Freibetrag erhöht werden. Mehr dazu lesen Sie im Ratgeber „Privatinsolvenz: Wie hoch ist der Selbstbehalt?”

Wie hat Ihnen der Artikel gefallen?

406
19

Das könnte Sie auch interessieren: