Freiberufliche Hebamme untersucht schwangere Frau
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Selbstständig oder freiberuflich: Was ist der Unterschied?

Dagmar Sörensen
von Dagmar Sörensen, 04.03.2021

Sein eigener Chef sein – das hat schon was! Träumen Sie auch davon? Aber wenn Sie den Schritt wagen – machen Sie sich dann selbstständig oder arbeiten Sie freiberuflich? Das kann einen Unterschied machen, vor allem bei den Steuern. Allerdings haben Sie in den meisten Fällen gar keine Wahl! Die Entscheidung treffen nämlich nicht Sie. Wer in dieser Sache das Sagen hat, was denn nun was ist und welche Kriterien dabei eine Rolle spielen, erfahren Sie hier.

Themen in diesem Artikel

Auf den Punkt

Auf den Punkt

  • Freiberufler*innen sind eine Untergruppe der Selbstständigen
  • Wer als Freiberufler*in tätig ist, entscheidet das Finanzamt
  • Freiberufler*innen haben gegenüber Gewerbetreibenden einige Vorteile

Freiberuflich vs. selbstständig ...

… die Frage stellt sich eigentlich gar nicht. Denn tatsächlich ist jede*r Freiberufler*in auch selbstständig. Warum? Ganz einfach: Genauso wie Selbstständige arbeiten Freiberufler*innen in keinem Angestelltenverhältnis. Sondern sie sind ihr eigener Chef. Sie wirtschaften auf eigene Rechnung und eigene Gefahr, müssen sich um ihre soziale Absicherung kümmern, haben aber auch die volle Entscheidungsgewalt.

Umgekehrt gilt das aber nicht, sprich: Nicht jede*r Selbstständige ist auch ein*e Freiberufler*in. Tatsächlich stellen sie sogar nur eine eher kleine Untergruppe der Selbstständigen. Denn es sind nur ganz bestimmte Berufsgruppen, die freiberuflich arbeiten dürfen. Und die Entscheidung, ob Sie einer solchen Gruppe angehören, die treffen nicht Sie – sondern das Finanzamt!

Die andere – größere – Untergruppe der Selbstständigen stellen die Gewerbetreibenden. Deshalb ist die richtige Frage nicht „freiberuflich oder selbstständig“, sondern vielmehr „freiberuflich oder gewerbetreibend?“ Und die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen sind durchaus nennenswert.

Architekt baut ein Modell eines Hauses
© istock/jacoblund/2017  Selbstständige Architekt*innen zählen zu den Katalogberufen und sind daher Freiberufler*innen.

Finanzamt entscheidet über Freiberuflichkeit

An freie Berufe stellt der Gesetzgeber ganz bestimmte Anforderungen: Sie müssen schriftstellerischer, künstlerischer, heilender, erziehender oder wissenschaftlicher Natur sein. Weiterhin verlangt das Gesetz als Voraussetzung für die Ausübung eines freien Berufes eine spezielle berufliche Qualifikation oder eine besondere künstlerische Begabung.

Ob eine konkrete Tätigkeit nun freiberuflich ist oder nicht, entscheidet in letzter Instanz das Finanzamt. Manchmal ist die Einordnung einfach, manchmal nicht. Dabei haben sich drei Gruppen von freien Berufen herausgebildet.

Katalogberufe

Im Einkommensteuergesetz § 18 findet sich eine Auflistung von anerkannten freien Berufen. Hier ist die Zuordnung also am einfachsten. Diese sogenannten Katalogberufe lassen sich grob in vier Gruppen einteilen:

  • Heilberufe wie Ärzt*innen, Heilpraktiker*innen, Hebammen, Geburtshelfer’*innen und Physiotherapeut*innen
  • Beratende Berufe in Recht und Wirtschaft wie Rechtsanwält*innen, Notar*innen, Wirtschaftsprüfer*innen, Steuerberater*innen
  • Technisch-wissenschaftliche Berufe wie Architekt*innen und Ingenieur*innen
  • kulturelle, Medien- und Sprachberufe wie Journalist*innen, Bildberichterstatter*innen, Dolmetscher*innen, Künstler*innen oder Lehrer*innen

Tätigkeitsberufe

Diese Berufe sind nicht unter den Katalogberufen zu finden. Jedoch können Sie als freiberuflich gelten, wenn sie selbstständig ausgeübt werden und aus den eingangs erwähnten Bereichen stammen. In der Praxis sind das Tätigkeiten wie diese:

  • Wissenschaftliche Tätigkeit, zum Beispiel wenn man Gutachten erstellt oder eine Lehrtätigkeit ausübt
  • Künstlerische Tätigkeit, wenn eine eigene schöpferische Leistung erkennbar ist (Bild, Bildhauerei)
  • Schriftstellerische Tätigkeit mit selbstverfassten Texten, die für die Öffentlichkeit bestimmt sind (auch Werbetexte oder Übersetzungen)
  • Unterrichtende Tätigkeiten mit besonderen Fähigkeiten oder Kenntnissen, zum Beispiel als Reitlehrer*in oder Fahrlehrer*in

Ähnliche Berufe

Immer wieder entstehen neue Berufe, die man früher gar nicht kannte, EDV-Berater*in zum Beispiel oder Web-Designer*in. Das Gesetz hilft sich damit, dass es ausdrücklich auch „ähnliche Berufe“” zulässt. Aber ob eine Tätigkeit nun freiberuflich ist oder nicht? Das Finanzamt legt bei der Beurteilung im Wesentlichen drei Kriterien zugrunde:

  • Freie Berufe finden sich in erster Linie im Dienstleistungssektor. Handelsgeschäfte oder Massenproduktion schließen daher eine freiberufliche Tätigkeit aus.
  • Ein freier Beruf erfordert bestimmte Qualifikationen; das kann entweder ein Hochschulabschluss oder ein schöpferisches Talent sein.
  • Bei freien Berufen spielt der persönliche Arbeitseinsatz des Freischaffenden die entscheidende Rolle. Er muss auch derjenige sein, der die fachliche Verantwortung für alle Aufträge trägt. 

Alle Berufe, die nicht als Katalogberuf gelistet sind und auch diese drei Kriterien nicht erfüllen, sind demnach gewerbliche Berufe. 

Wie und wo melde ich eine Freiberuflichkeit an?

Wie und wo melde ich eine Freiberuflichkeit an?

Im Unterschied zur Anmeldung eines Gewerbes ist die Anmeldung einer freiberuflichen Selbstständigkeit sehr einfach. Wenn Sie belegen können, dass Sie Angehöriger eines freien Berufes sind, genügt schon ein formloses Schreiben an das zuständige Finanzamt mit der Bitte um die Vergabe einer Steuernummer.

Daraufhin erhalten Sie einen Fragebogen zur steuerlichen Erfassung. Sobald Sie den ausgefüllt zurückgeschickt haben, ist Ihre Freiberuflichkeit offiziell.

Freiberuflicher Gitarrenlehrer unterrichtet Jungen
© istock/South_agency/2018  Der Katalogberuf Lehrer umfasst auch selbstständige Musiklehrer*innen.

Vorteile für Freischaffende

Wer vom Finanzamt als Freiberufler*in eingestuft wird, hat gegenüber den gewerbetreibenden Selbstständigen einige Vorteile. Freiberufler*innen ...

  • müssen keinen Gewerbeschein beantragen, sondern nur ihre Tätigkeit beim Finanzamt anmelden.
  • zahlen keine Gewerbesteuer.
  • müssen kein Mitglied in der Industrie- und Handelskammer (IHK) oder Handwerkskammer werden, können das aber freiwillig tun.
  • unterliegen weder der Gewerbeaufsicht noch dem Handelsrecht.
  • sind nicht zur Buchführung verpflichtet und müssen keine Bilanzen erstellen, sondern lediglich eine einfache sogenannte Einnahme-Überschuss-Rechnung beim Finanzamt einreichen.

Trennen Sie hauptberufliche und nebenberufliche Tätigkeiten

Vielleicht ist Ihre Geschäftsmodell ja eine Mischung aus freiberuflicher und gewerblicher Tätigkeit? Oder Sie betreiben eine der beiden Tätigkeiten nur nebenberuflich? Das ist grundsätzlich auch kein Problem. Achten Sie aber unbedingt darauf, die beiden Tätigkeiten organisatorisch klar voneinander zu trennen! Denn sonst besteht die Gefahr, dass das Finanzamt Sie insgesamt als Gewerbetreibende*n beurteilt und Sie Ihre Sonderstellung als Freiberufler*in auch für den freiberuflichen Anteil verlieren.

Beispiele: Ein*e Zahnärztin*Zahnarzt vertreibt nebenher Zahnpflegeprodukte; eine freiberufliche Hebamme verkauft Baby-Tragetücher. Beide Berufsbestandteile lassen sich klar trennen und werden unterschiedlich behandelt: der eine Teil mit allen Vorteilen der Freiberuflichkeit, der andere Teil als Gewerbetreibende*r.

Klären Sie solche Fragen am besten frühzeitig direkt mit dem Finanzamt. Denn erkennt Ihnen das Finanzamt nachträglich – zum Beispiel nach einer Betriebsprüfung – die Freiberuflichkeit ab, müssen Sie die Gewerbesteuer der vergangenen Jahre rückwirkend nachzahlen.

Junge Illustratorin arbeitet an einem neuen Auftrag
© istock/Georgii Boronin/2020  Freischaffende Künstler*innen müssen sich über die Künstlersozialkasse versichern.

Krankenversicherung für Selbstständige

Alle Selbstständigen sind generell krankenversicherungspflichtig. Allerdings genießen sie – egal ob gewerblich oder freiberuflich tätig – vollständige Wahlfreiheit und entscheiden selbst, ob sie sich freiwillig in der gesetzlichen Krankenversicherung versichern oder lieber in eine private Krankenkasse wechseln.

Die Vor- und Nachteile der beiden Optionen und vieles mehr finden Sie im Ratgeber „Krankenversicherung für Selbstständige: Wer hilft Ihnen im Fall des Falles?”.

Eine Besonderheit gibt es für Freiberufler*innen, die als freischaffende Künstler*innen oder Publizist*innen tätig sind. Sie sind gesetzlich dazu verpflichtet, sich bei der Künstlersozialkasse (KSK) zu versichern. Damit sind sie in das gesetzliche Versicherungssystem eingebunden und Mitglied der gesetzlichen Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung. Die Höhe der monatlichen Zahlungen richtet sich nach dem zu erwartenden monatlichen Einkommen, wobei die Freiberufler*innen nur die Hälfte der Sozialabgaben zahlen. Die andere Hälfte übernimmt der Bund.

Video: Steuerlicher Unterschied: Freiberuflich oder selbständig?

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