Frau mit Halskrause und Armbinde sitzt vor medizinischen Unterlagen
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Erwerbsminderungsrente: Absicherung im Notfall – aber reicht sie zum Leben?

Thorsten Schierhorn
von Thorsten Schierhorn, 14.01.2022

Eine plötzliche Krankheit, ein Unfall – davor ist niemand gefeit. Aber was, wenn es ganz schlimm kommt und Sie nicht mehr arbeiten können? Woher kommt dann das Geld für die Miete, fürs Essen, für die kleinen Freuden des Lebens? Die gesetzliche Erwerbsminderungsrente schafft Abhilfe – zumindest ein Stück weit. In welchen Fällen Sie die Rente bekommen, wie hoch sie ist und wie Sie sie beantragen, lesen Sie hier.

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Auf den Punkt

Auf den Punkt

  • Erwerbsminderungsrente federt die finanziellen Einbußen durch Krankheit oder Unfall ab.
  • Die Rente gibt es nur, wenn Sie gar keine Tätigkeit mehr ausüben können – und nicht etwa, wenn Sie „nur“ Ihren Beruf aufgeben müssen.
  • In den meisten Fällen reicht die Rente nicht zum Leben. Unter Umständen ist eine Berufsunfähigkeitsversicherung sinnvoll.

Was ist eine Erwerbsminderungsrente?

Die Erwerbsminderungsrente ist eine gesetzliche Rente, die monatlich von der Deutschen Rentenversicherung (DRV) ausgezahlt wird. Sie ist für Menschen gedacht, die wegen eines Unfalls oder einer Krankheit nicht mehr voll oder gar nicht mehr arbeiten können. 

Dabei kommt es nicht auf den Beruf der Betroffenen an. Die Rente erhält nur, wer überhaupt keine Tätigkeit mehr ausüben kann. Handwerker*innen, die zum Beispiel trotz einer gesundheitlichen Einschränkung noch Büroarbeiten ausführen können, erhalten keine Erwerbsminderungsrente. Das Gleiche gilt für Akademiker*innen, die etwa zu körperlichen Aushilfstätigkeiten in der Lage sind.

Die Erwerbsminderungsrente bekommen Sie so lange, bis Sie die reguläre Altersrente erhalten.

Welche Voraussetzungen gelten?

Die Erwerbsminderungsrente gibt es nur unter bestimmten Bedingungen. Voraussetzung eins: eine „verminderte Erwerbsfähigkeit“. So nennt es der Gesetzgeber, wenn Sie nicht mehr allein für Ihren Lebensunterhalt sorgen können. Die verminderte Erwerbsfähigkeit müssen Sie mit einem ärztlichen Gutachten belegen. Für die Erwerbsminderungsrente bedeutet das: Wenn Sie weniger als drei Stunden täglich einer Tätigkeit nachgehen können, erhalten Sie die volle Ihnen zustehende Rente (zur Berechnung der Höhe kommen wir weiter unten). Ist dies zwischen drei und sechs Stunden am Tag möglich, zahlt die Rentenversicherung immerhin noch die halbe Erwerbsminderungsrente. 

Ausnahme: Wenn Sie vor dem 2. Januar 1961 geboren sind, gibt es die Rente bereits, wenn Sie in ihrem Beruf nur noch weniger als sechs Stunden arbeiten können. Eine andere Tätigkeit müssen Sie nur dann aufnehmen, wenn Sie Ihnen „zugemutet“ werden kann – also wenn sie in etwa Ihrem bisherigen Beruf entspricht und keinen Abstieg bedeutet.

Die zweite Voraussetzung: Sie müssen seit mindestens fünf Jahren in der gesetzlichen Rentenversicherung versichert sein. Fachleute sprechen hier von der „allgemeinen Wartezeit“. Unter Umständen können Sie auch Lebensphasen, in denen Sie Arbeitslosengeld oder Hartz IV bezogen haben, sowie Zeiten der Kindererziehung oder der ehrenamtlichen häuslichen Pflege von Angehörigen dazuzählen.

Und drittens: In den fünf Jahren vor der Erwerbsminderung müssen Sie wenigstens drei Jahre lang Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung eingezahlt haben – das aber nicht unbedingt am Stück. Es zählen auch mehrere Einzahlungsphasen, sofern sie zusammen drei Jahre ergeben.

Eine erschöpfte Frau sitzt mit geschlossenen Augen vor einem Laptop
© istock/LaylaBird/2019  Depressionen und andere psychische Erkrankungen sind der häufigste Grund für den Bezug von Erwerbsminderungsrente.

Bei welchen Krankheiten bekomme ich Erwerbsminderungsrente?

Bei allen Krankheiten, die verhindern, dass Sie mehr als sechs Stunden einer Arbeit nachgehen können. Das prüft die Deutsche Rentenversicherung anhand von ärztlichen Gutachten. Von den rund 161.000 Menschen, die 2019 erstmals eine Erwerbsminderungsrente bezogen haben, lag der Grund bei 42,7 Prozent in einer psychischen Erkrankung. Laut Daten der Rentenversicherung waren die weiteren Gründe für eine Erwerbsminderungsrente (so das „Versicherungsjournal“):

  • Neubildungen bei Krebs: 13,3 Prozent
  • Erkrankungen von Muskeln, Skelett und Bindegewebe: 12,9 Prozent
  • Kreislauferkrankungen: 9,2 Prozent
  • Nervensystem: 6,9 Prozent
  • Erkrankungen des Verdauungs- oder Atmungssystems sowie Stoffwechselstörungen: jeweils 3,5 Prozent 

Wie kann ich Erwerbsminderungsrente beantragen?

Erwerbsminderungsrente beantragen Sie bei der Deutschen Rentenversicherung. Die notwendigen Formulare gibt es auf der DRV-Website. Darüber hinaus müssen Sie noch weitere Unterlagen einreichen, unter anderem:

  • die Kontaktdaten Ihrer behandelnden Ärzt*innen
  • zurückliegende Klinikaufenthalte und Reha-Maßnahmen
  • eine Beschreibung Ihrer Erkrankungen
  • eine Chronologie Ihrer beruflichen Stationen mit Einkommensangaben

Beim Antrag helfen die örtlichen DRV-Beratungsstellen, aber auch Mitarbeiter*innen von Sozialverbänden in Ihrer Stadt. Wichtig: Sie sollten den Antrag möglichst früh stellen. Am besten gleich, sobald Sie wissen, dass Sie auf die Rente angewiesen sind. Zwar bekommen Sie in den ersten Monaten Krankengeld, und die Erwerbsminderungsrente springt erst frühestens sieben Monate nach dem Eintritt der Erwerbsminderung ein. Aber die Bearbeitung des Antrags kann einige Zeit dauert – womöglich länger, als Sie warten können.

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© Sozialverband Schleswig-Holstein 

Wie schwer ist es, Erwerbsminderungsrente zu bekommen?

Einfach ist es nicht. Erst einmal brauchen Sie die nötigen ärztlichen Gutachten. Dann prüfen eigene Mediziner*innen und Jurist*innen der DRV die Unterlagen. Außerdem gilt der Grundsatz „Reha vor Rente“. Das heißt: Vielleicht können Sie ja durch Reha-Maßnahmen Ihre Erwerbsminderung überwinden. Auch das prüfen die DRV-Fachleute. Bei einer positiven Prognose bezahlt man Ihnen zwar die Reha-Maßnahmen, aber die Rente gibt es nicht.

Annähernd die Hälfte der Anträge auf Erwerbsminderungsrente werden abgelehnt. 2020 waren es nach einem Bericht des „Ärzteblattes“ 42 Prozent. Gegen eine Ablehnung können Sie innerhalb eines Monats Einspruch einlegen. Für die Formulierung der Begründung ziehen Sie am besten eine*n Rechtsberater*in zu Rate, zum Beispiel einen Fachanwalt oder eine Fachanwältin.

Eine Frau verteilt Flyer
© istock/slobo/2008  Ein Minijob bessert die Erwerbsminderungsrente auf, ohne dass es Abzüge gibt.

Wie wird die Höhe berechnet?

Wie bei der gesetzlichen Altersrente hängt die Höhe unter anderem davon ab, wie viele Jahre Sie bereits Beiträge gezahlt haben. Im Internet gibt es zur Berechnung der Erwerbsminderungsrente spezielle Rechner, zum Beispiel auf den Seiten von Versicherern. Es reicht aber auch ein Blick in die jährliche Renteninformation der DRV. Dort ist der genaue Betrag ausgewiesen, der Ihnen monatlich bei voller Erwerbsminderung zustehen würde.

Im Durchschnitt waren das 2019 in den alten Bundesländern 842 Euro und in den neuen Ländern 882 Euro. Natürlich kann der Betrag im Einzelnen höher ausfallen. Zum Leben reicht er aber in den seltensten Fällen. 

Zudem kann es sein, dass Sie gar nicht die volle Rente bekommen. Die DRV behält nämlich einen individuellen Abschlag ein, der von Ihrem Alter abhängt. Auch da ist es ähnlich wie in der gesetzlichen Altersrente: Für eine Erwerbsminderungsrente ohne Abschlag muss eine bestimmte Altersgrenze erreicht sein. 2021 lag sie bei 64 Jahren und sechs Monaten. Bis 2024 wird sie auf 65 Jahre angehoben. Jeder Monat, der Sie von der Altersgrenze trennt, kostet Sie 0,3 Prozent von Ihrer Erwerbsminderungsrente. Maximal gibt es aber höchstens 10,8 Prozent Abzug, egal, wie jung Sie sind.

Berufsunfähigkeitsversicherung: Lohnt sich das?

Berufsunfähigkeitsversicherung: Lohnt sich das?

Da die Erwerbsminderungsrente relativ niedrig ausfällt, sollten Sie über eine Berufsunfähigkeitsversicherung nachdenken. Die ist allerdings recht teuer. Folgende Fragen können bei der Entscheidung für oder gegen solche Versicherung helfen: Wie hoch ist Ihr Risiko einer verminderten Erwerbsfähigkeit? Welche Kosten kommen in welchem Fall auf Sie zu?

Berufsgruppen, die eine Police nicht oder nur zu ungünstigen Konditionen bekommen, können alternativ eine Grundfähigkeitsversicherung (Risikoversicherung) abschließen.

Lassen Sie sich am besten von einem Versicherungsexpert*innen zu allen diesen Fragen beraten.

Was darf ich hinzuverdienen?

Wenn Sie eine volle Erwerbsminderungsrente bekommen, dürfen Sie bis zu 6.300 Euro jährlich dazuverdienen, ohne dass Ihnen etwas von der Rente abgezogen wird. Und wenn Sie mehr verdienen? Dann werden Ihnen 40 Prozent vom Mehrverdienst, der über der Hinzuverdienstgrenze liegt, von der Rente abgezogen.

Beispiel: Sie verdienen sich 7.300 Euro im Jahr dazu, liegen also 1.000 über der Grenze für die Abzugsfreiheit. Von diesen 1.000 Euro werden 40 Prozent mit der Erwerbsminderungsrente verrechnet. Sie bekommen also 400 Euro weniger Rente.

Anders sieht es aus, wenn Sie nicht die volle Erwerbsminderungsrente bekommen, sondern weniger – zum Beispiel nur die halbe. Dann berechnet die Rentenversicherung eine individuelle Grenze, bis zu der Sie abzugsfrei etwas hinzuverdienen dürfen. Die finden Sie in Ihrem Rentenbescheid.

Aber Achtung: Insgesamt dürfen Rente plus Hinzuverdienst nicht mehr ausmachen als das Maximum, das Sie in den letzten 15 Jahren verdient haben, als Sie noch erwerbsfähig waren. Alles, was über dieses Höchsteinkommen hinausgeht, wird Ihnen von der Rente abgezogen.

Mehr über die jeweiligen Höchstgrenzen erfahren Sie bei der Rentenversicherung. Es kann sich lohnen, sich dort immer mal wieder nach den aktuellen Regeln zu erkundigen. Denn die Grenzen werden regelmäßig angepasst.

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