Eine junge Frau arbeitet an ihrem Laptop, während sich ihre Katze an ihr Kinn schmiegt
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Freiheit statt Sicherheit: Crowdworking als neues Arbeitsmodell

Thorsten Schierhorn
von Thorsten Schierhorn, 02.06.2020

Ob mit der Katze kuschelnd auf dem Sofa, nachmittags im Café oder sogar beim Morgenspaziergang: Beim Crowdworking arbeiten Sie nach Ihrem eigenen Rhythmus. Wenn Sie daran teilnehmen, können Sie sich nicht nur aussuchen, welche Jobs Sie annehmen möchten – sondern oft auch, wann und wo Sie sie erfüllen. Doch was bedeutet Crowdworking, manchmal auch Crowdsourcing genannt, genau? Und hat die Freiheit auch ihre Schattenseiten?

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Wie ist Crowdworking definiert?

Crowdworking setzt sich aus den englischen Wörtern crowd für „Masse“, „Schar“, „Menschenmenge“ und working für „arbeiten“ zusammen. Das auch oft genutzte Wort Crowdsourcing wiederum ist von Outsourcing abgeleitet und beschreibt das Auslagern von Tätigkeiten an die Menge. Ein Unternehmen lässt also nicht (nur) seine Angestellten für sich arbeiten. Sondern es gibt über Internetplattformen Hunderten bis Tausenden Interessierten die Möglichkeit, Aufträge zu übernehmen. Manche dieser Jobs sind schnell erledigt und bringen allenfalls ein Taschengeld ein. Es gibt aber auch Projekte, die echte Profis erfordern und sehr gut bezahlt werden. 

Sogenannte Mikrojobs sind Tätigkeiten mit wenig Aufwand, für die Sie keine Vorbildung brauchen. Beispielsweise klicken Sie sich durch eine Handy-App und melden dem Betreiber Fehler in der Bedienung. Oder Sie fotografieren Regale in Ihrem lokalen Supermarkt, damit man in der weit entfernten Firmenzentrale weiß, ob die Ware gut präsentiert wird. Hierfür erhalten Sie Cent- bis geringe Euro-Beträge. Wenn Sie mit dieser Art des Crowdworking richtig Geld verdienen wollen, macht es also nur die Masse.

Mittlere Jobs erfordern gewisse Fähigkeiten, aber oft keine spezielle Ausbildung. Schreibtalente nehmen beispielsweise Aufträge an, Texte für Firmen-Blogs, Produktseiten und ähnliches zu verfassen. Dabei müssen sie nicht das Niveau eines echten Redakteurs erreichen – werden aber auch nicht so gut bezahlt wie der Experte. Profis wie Designer und Programmierer können sich über spezialisierte Plattformen Projekten anschließen und dürfen eine branchenübliche Entlohnung erwarten.

Person fotografiert mit dem Smartphone die Auslagen in der Obst- und Gemüseabteilung
© istock/DragonImages/2019  Sieht alles so aus, wie es sein soll? Ein Foto der Auslage bringt der Firmenzentrale Gewissheit - und dem Crowdworker ein paar Cent.

Wie funktioniert Crowdworking?

Mittlerweile gibt es online zahlreiche Crowdsourcing-Plattformen, die alle ähnlich funktionieren. Wenn Sie als Crowdworker durchstarten wollen, müssen Sie sich beim Anbieter Ihrer Wahl anmelden und verschiedene Angaben zu Ihrer Person machen. Sind Sie erst einmal Mitglied, haben Sie Zugang zu einer Übersicht, für welche Jobs Abnehmer gesucht werden. In der Detailbeschreibung erfahren Sie, was genau von Ihnen erwartet wird und wieviel Geld Sie dafür bekommen.

Es hängt von der jeweiligen Plattform ab, ob Sie mit einem Job direkt loslegen können oder ob Sie abwarten müssen, ob Ihnen der Auftrag zugeteilt wird. Möglicherweise möchte der Auftraggeber vorher wissen, welche Erfahrungen Sie in dem entsprechenden Bereich haben. Besonders bei der Suche nach Designern ist es auch üblich, dass sich Interessierte mit einem groben Entwurf bewerben, für den sie noch nicht bezahlt werden.

Wenn Sie einen Auftrag angenommen haben, haben Sie meistens nur einen kurzen Moment, es sich anders zu überlegen. Danach wird von Ihnen erwartet, dass Sie den Job wie beschrieben in der vorgegebenen Zeit erledigen. Bevor Sie Ihr Geld überwiesen bekommen, prüft der Auftraggeber in der Regel erst einmal, ob er mit dem Ergebnis zufrieden ist. Sollte das nicht der Fall sein, können Sie nachbessern oder werden nicht bezahlt. Die meisten Plattformen haben ein Bewertungssystem, bei dem Sterne, Noten oder auch Kommentare für die Crowdworker - und manchmal auch die Auftraggeber – hinterlassen werden.

Bärtiger Mann steht vor einer Wand und schreit in ein Megafon
© istock/mheim3011/2019  Die Gewerkschaften haben sich zum Thema Crowdworking deutlich geäußert und setzen sich für die Rechte der Arbeitnehmer ein.

Wie finde ich eine gute Crowdsourcing-Plattform?

Da sich die Crowdworking-Plattformen in der inhaltlichen Ausrichtung unterscheiden, sollten Sie vorab gut vergleichen, was am besten zu Ihnen passt. Ein kleiner Überblick über einige der Anbieter:

  • Clickworker: Diverse Jobs und Mikrojobs, meist online zu erledigen.
  • WorkGenius: Größere und kleinere Jobs von Programmierung bis Übersetzung.
  • AppJobs: Viele regionale Jobs, häufig mit dem Smartphone zu erledigen.
  • Testbirds: Bietet Mikrojobs als Tester von Software.
  • Content.de: Vermittlung von Textaufträgen unterschiedlicher Art.
  • StreetSpotr: Mikrojobs rund um Produkte, mit dem Smartphone zu erledigen.
  • Jovoto: Internationale Plattform, die sich auf Kreativität und Innovation spezialisiert hat.
  • Prolific: Englischsprachige Website für Umfragen und Online-Experimente.

Nicht nur bei der Zielgruppe unterscheiden sich die Crowdsourcing-Plattformen, sondern auch bei den Nutzungsbedingungen. Damit Sie keine bösen Überraschungen erleben, schauen Sie sich das Kleingedruckte gut an. Hier sind einige Punkte, auf die Sie achten sollten:

  • Zahlungsmodalitäten: Wie viel Geld bekommen Sie, welche Gebühren fallen an und wann wird das Geld ausgezahlt?
  • Umgang mit Beanstandungen: Bekommen Sie die Gelegenheit zu Nachbesserungen an Ihrer Arbeit und wie lange hat der Auftraggeber Zeit, diese zu fordern? In welchen Fällen darf der Auftraggeber die Zahlung verweigern?
  • Bewertungssystem: Verläuft Ihre Beurteilung nach fairen Kriterien? Dürfen Sie auch den Auftraggeber bewerten?
  • Datenschutz: Wie speichert der Betreiber Ihre persönlichen Daten? An wen gibt er sie weiter?
  • Gerichtsstand: Sollte es doch einmal zu Rechtsstreitigkeiten kommen, ist eine Auseinandersetzung vor einem deutschen Gericht für Sie einfacher und kostengünstiger als im Ausland. 

Schauen Sie außerdem nach Erfahrungsberichten anderer Nutzer: War deren Zusammenarbeit mit einer Plattform unkompliziert oder gab es Probleme? 

Die Gewerkschaften sehen im Crowdsourcing Chancen für flexible Arbeitsmodelle, aber auch die Gefahr der Ausbeutung. Um Crowdworkern mit hilfreichen Informationen und Tipps zur Seite zu stehen, haben sie die Website Fair Crowd Work ins Leben gerufen.

Person schreibt mit der einen Hand auf einem Notizblock und tippt mit der anderen Hand auf einem Taschenrechner
© istock/wutwhanfoto/2017  Auch wenn sich viele Crowdworking-Aufgaben nebenbei erledigen lassen: Bei der Steuererklärung dürfen sie nicht vergessen werden.

Was muss ich beim Crowdworking rechtlich beachten?

Crowdworker gelten als Selbstständige und sind weder bei dem Vermittler angestellt noch bei dem Auftraggeber. Dies mag sich aber in Zukunft ändern. So hat ein Mann darauf geklagt, als Angestellter einer Plattform anerkannt zu werden, für die er über mehrere Monate tätig war. Die Klage wurde zwar vom Arbeitsgericht abgewiesen, wird nun aber von höherer Instanz ein weiteres Mal beurteilt. (Stand: Mai 2020)

Solange sich an der Rechtslage jedoch nichts ändert, müssen Sie als Crowdworker Ihre Freiberuflichkeit beim Finanzamt melden und Ihre Einnahmen im Rahmen der Einkommens- beziehungsweise Umsatzsteuererklärung versteuern. Damit Sie nicht in den Verdacht der Scheinselbstständigkeit geraten, brauchen Sie zudem verschiedene Auftraggeber. Denn wenn Sie über längere Zeit nur für ein einziges Unternehmen tätig sind, geht der Staat davon aus, dass Sie dort fest angestellt sind. In dem Fall müssen Sie Renten-, Sozial- und Krankenversicherungsbeiträge nachzahlen.

Wenn das Crowdworking für Sie nur ein Nebenberuf ist, prüfen Sie Ihren Arbeitsvertrag: Was ist erlaubt und was nicht? Schwierig wird es immer dann, wenn Sie wegen Ihrer Nebentätigkeit nicht mehr genug Zeit oder Energie für Ihren Hauptberuf haben. Außerdem sieht es kein Arbeitgeber gern, wenn Sie ihm nebenberuflich Konkurrenz machen.

Junger Kreativer an seinem Schreibtisch mit Zeichenstift, Tablet, Monitor und Arbeitsmaterialien
© istock/Pekic/2018  Viel Freiheit, wenig Sicherheit: Crowdworking muss zu der eigenen Lebenseinstellung passen.

Lohnt sich Crowdworking also?

Sollten Sie sich in ein Leben als Crowdworker stürzen oder lieber die Finger davon lassen? Als Nebenberuf können Sie das Arbeitsmodell recht risikofrei testen, wenn Sie unsere Tipps und Hinweise beachten. Und im Hauptberuf? Da müssen Sie vor allem abwägen, ob die Freiheiten dieses Arbeitsmodells für Sie persönlich wertvoller sind als die Sicherheit, die ein fester Job bietet. Lautet die Antwort darauf „Ja“, sollten Sie unbedingt nachrechnen, wie gut Sie mit den Aufträgen, die Sie übernehmen möchten, Ihren Lebensunterhalt bestreiten können.

Hier die wichtigsten Vor- und Nachteile im Überblick:

VorteileNachteile
Räumliche FlexibilitätUnsicheres Einkommen
Zeitliche FlexibilitätTeils sehr geringe Bezahlung
Umfang der Arbeit selbst bestimmbarKeine Renten-, Sozial- oder Krankenversicherung
Angebote für jeden KenntnisstandUrlaub und Krankheitszeiten nicht bezahlt
Vielfältige TätigkeitenRechte teils schwierig durchzusetzen
Einsteiger können Praxiserfahrung sammelnKeine Aufstiegs- oder Weiterbildungsmöglichkeiten
Kein BewerbungsverfahrenKeine Einbindung in ein Team

Internes Crowdworking

Internes Crowdworking

Neben dem beschriebenen externen Crowdworking, bei dem die Arbeitskraft von außen kommt, gibt es auch das interne Crowdworking. Dabei ist der Ablauf über eine Online-Plattform ähnlich, doch die Aufträge werden nur an die eigenen Beschäftigten vergeben. Diese bleiben selbstverständlich fest angestellt.

Internes Crowdworking kann Mitarbeitern mehr Freiheiten geben, weil sie sich ihre Tätigkeiten in einem gewissen Rahmen selbst aussuchen. Gleichzeitig entlastet es das Management, da es Arbeitsaufträge nicht einzeln zuweisen muss. Andererseits erfordert internes Crowdworking Verantwortungsgefühl und Kompromissbereitschaft bei den Mitarbeitern: Sie müssen ihre Fähigkeiten kennen und sich auf Kollegen einstellen. Wenn ein Unternehmen dieses Verfahren als vollkommen neue Arbeitsmethode einführt, muss es dabei übrigens den Betriebsrat einbeziehen.

 

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