Mann schreibt mit Stift auf einem Tablet
Wissen

Verträge der Zukunft: Was Smart Contracts können

Bianca Sellnow
von Bianca Sellnow, 20.09.2019

Sie haben vergessen, eine Kreditrate für Ihr Auto zu überweisen – und plötzlich springt der Wagen nicht mehr an. Karma? Ein dummer Zufall? Wenn der Autokredit ein sogenannter Smart Contract ist, gibt es einen anderen Grund dafür. Denn hinter diesem Vertrag verbirgt sich eine Software, die selbstständig handeln kann – indem sie zum Beispiel den Wagen stilllegt. Aber wie funktioniert das? Wir erklären es Ihnen.

Themen in diesem Artikel

Auf den Punkt

Auf den Punkt

  • Smart Contracts sind nicht mit den uns bekannten Verträgen vergleichbar.
  • Die Basis für die schlauen Verträge ist die innovative Blockchain-Technologie.
  • Durch diese Technologie können die Verträge selbstständig auf Ereignisse reagieren.
  • Smart Contracts können bspw. das Auto lahmlegen, wenn Kreditraten ausbleiben.
  • Sie garantieren eine ständige Kontrolle der Einhaltung von Vertragsbedingungen ohne menschliche Unterstützung.
  • Smart Contracts können komplexe und sehr individuelle Verträge abbilden.

Was macht Smart Contracts aus?

Die Übersetzung von Smart Contracts ist „schlaue Verträge”. Einfach erklärt, bedeutet das: Diese Verträge können selbstständig Aktionen ausführen. Aber wie geht das?

Fangen wir damit an, was wir alle kennen: Einen Vertrag aus Papier. Er enthält die vereinbarten Konditionen und wird von mindestens zwei Vertragspartnern unterschrieben, beispielsweise der Bank und dem Kreditnehmer. Was dann passiert, sehen wir uns in einem Beispiel für einen Autokredit an:

  • Die Bank prüft regelmäßig, ob der Vertrag eingehalten wird, also ob der Kreditnehmer seine Raten pünktlich und in voller Höhe bezahlt. 
  • Versäumt er eine oder mehrere Raten, schickt der Sachbearbeiter der Bank meistens erst mal eine Erinnerung an den Kreditnehmer.
  • Bleiben die Zahlungen weiter aus, wird er als Nächstes eine Mahnung ausstellen.
  • Im weiteren Verlauf könnte er auch den Kreditvertrag kündigen und das Auto als Ersatz für die Zahlung einziehen.

Ein Smart Contract funktioniert grundsätzlich genauso. Aber: Der Bankmitarbeiter braucht die Einhaltung des Vertrags nicht mehr selbst zu kontrollieren. Das übernehmen die Verträge der Zukunft. Sie können beispielsweise bei der ersten versäumten Rate automatisch eine Zahlungserinnerung an den Kunden schicken. Die Liste der möglichen Aktionen wird in einem Computerprotokoll festgehalten. Zum Beispiel: 

  • Eine Rate versäumt = Zahlungserinnerung 
  • Zwei Raten versäumt = Mahnung
  • Drei Raten versäumt = automatische Stilllegung des Autos
Mann sitzt hinter dem Steuer seines stehenden Autos und fasst sich verwundert an den Kopf
© iStock/didesign021/2019  Das Auto lässt sich nicht mehr starten? Haben Sie einen Smart Contract abgeschlossen, könnte das an einer vergessenen Kreditrate liegen.

Welche Technologie steckt dahinter?

Smart Contracts nutzen die sogenannte Blockchain-Technologie. Sie sammelt die einzelnen Bedingungen des schlauen Vertrags in Codes, die in Blöcken abgelegt und in Kettengliedern miteinander unveränderbar verbunden werden. Daher auch der Name, der auf Deutsch übersetzt „Blockkette” bedeutet. Erst durch die Erfindung dieser Technologie im Jahr 2008 wurde das Erstellen von Smart Contracts möglich.

Sie möchten noch mehr über die Blockchain wissen? Dann lesen Sie auch unseren Ratgeber „Einfach erklärt: Wie eine Blockchain funktioniert”.

Wo kommen Smart Contracts zum Einsatz?

Die Entwicklung von Smart Contracts steckt in den Kinderschuhen. Noch sind sie selten, und ihre Möglichkeiten werden längst nicht ausgeschöpft. Doch es gibt einige Bereiche, in denen die schlauen Verträge vorteilhaft sind. Künftig könnten sie vor allem Vereinbarungen mit komplexen Anforderungen regeln. Dazu gehören beispielsweise:

Kreditverträge: Der Autokredit aus unserem Beispiel ist nur eine Möglichkeit von vielen für Kreditverträge per Smart Contract. Auch die Hausfinanzierung und der Konsumkredit könnten sich darüber regeln lassen. Schlaue Verträge können hierbei nicht nur auf ausbleibende Raten reagieren. Sie passen variable Zinssätze automatisch an und informieren den Kreditnehmer über die Änderung. Oder sie bestätigen nach Eingang der letzten Zahlung selbstständig das Ende des Kreditvertrags.

Leasing- oder Mietverträge: Wohnung, Auto, Boot oder auch eine Arbeitsmaschine – was auch immer Sie leasen oder mieten möchten, erhalten Sie künftig vielleicht über einen Smart Contract. Der schlaue Vertrag könnte etwa Ihren Mietpreis automatisch senken oder anheben – je nach Marktwert der Immobilie. Oder er könnte nach Berechnung der Nebenkosten die Abrechnung selbstständig erstellen, sie Ihnen zusenden und fällige Beträge von Ihrem Konto einziehen – oder Überschüsse darauf überweisen.

Pärchen schaut gemeinsam auf Computerbildschirm, um die Inhalte seines Smart Contracts zu prüfen
© iStock/Geber86/2016  Die Verträge der Zukunft brauchen kein Papier mehr.

Kaufverträge: Ob nun die tonnenschwere Lieferung an einen Großhändler oder die einfache Bestellung im Onlineshop: Smart Contracts könnten den gesamten Versand von Produkten verändern. Es wäre beispielsweise möglich, dass sie Produkte über ein Tracking genau überwachen. Und dass sie automatisch eine Zahlung auslösen, sobald die Ware beim Empfänger angekommen ist. Oder das System eines Händlers meldet, dass Waren ordnungsgemäß zurückgesandt wurden – und der Vertrag veranlasst daraufhin automatisch eine Rückzahlung.

Versicherungsverträge: Sie haben Ihre Traumreise gebucht, aber plötzlich geht alles schief: verspätete Flüge, verschwundene Koffer und eine Baustelle neben dem Hotel. Immerhin: Ihre Reiseversicherung erstattet einige der entstandenen Kosten. Dafür müssen Sie aber mühsam alle Schäden melden und Erstattungen beantragen. Ein Smart Contract könnte Ihnen das abnehmen. So könnte er die Flugdaten überwachen und Ihnen bei Verspätung die entsprechende Erstattung direkt überweisen – ohne dass Sie etwas tun müssen.

Haben Smart Contracts auch Nachteile?

Haben Smart Contracts auch Nachteile?

Durchaus. Tatsächlich ist die größte Stärke der schlauen Verträge gleichzeitig ihre größte Schwäche: Sie sind unveränderbar. Was die Smart Contracts erst möglich und besonders sicher macht, lässt sie auch anfällig werden. Denn:

  • Beim Programmieren des Vertrags könnte sich ein Fehler einschleichen, der nachträglich nicht mehr zu ändern wäre. 
  • Oder es werden beim Erstellen nicht alle möglichen Ereignisse bedacht. Fraglich wäre dann, ob und wie der Vertrag auf eine unerwartete Bedingung reagieren sollte.

Wie sind Smart Contracts aufgebaut?

Smart Contracts funktionieren über sogenannte Wenn-Dann-Konstruktionen, die von Programmierern festgelegt werden. Dabei gilt: Sobald eine Bedingung erfüllt ist, wird eine Aktion ausgelöst. Ein einfaches Beispiel:

Wenn das System des Händlers eine Rücksendung registriert, dann wird automatisch das Geld erstattet und auf Ihr Konto überwiesen.

Smart Contracts können theoretisch unendlich komplex und umfangreich werden. Sie könnten etwa die gesamte Lieferkette eines Lebensmittels mit Bedingungen und daraus folgenden Aktionen abdecken – beispielsweise von der Ernte bis zum Verkauf im Supermarkt. Denkbar wäre auch, dass Smart Contracts die Beiträge für Krankenversicherungen automatisch an Alter und Lebenssituation anpassen – und das ein Leben lang.

Bisher können Smart Contracts solche komplexen Anforderungen aber noch nicht erfüllen. Und es ist nicht sicher, ob sie das jemals werden. Denn je umfangreicher sie ausfallen, umso mehr Möglichkeiten müssten von den Programmierern einberechnet werden.

Wie hat Ihnen der Artikel gefallen?

17
2

Das könnte Sie auch interessieren: