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Deflation – wenn die Preise ins Bodenlose fallen

Thorsten Schierhorn
von Thorsten Schierhorn, 07.07.2020

Am Ende des Gehalts ist schon wieder so viel Monat übrig? Kein Wunder. Zwar locken die Händler mit immer neuen Rabattaktionen, Sonderangeboten und Ausverkäufen. Aber auf lange Sicht wird unterm Strich eben alles immer teurer. Da liegt der Gedanke nahe: Wie schön wäre es, wenn es auf breiter Front einfach mal billiger würde. Das wäre dann eine Deflation. Doch ob wir uns das wirklich wünschen sollen? Lesen Sie mal, was es mit einer Deflation auf sich hat – und warum sie alles andere als ein Spaß ist.

Themen in diesem Artikel

Grafik Deflationsspirale

Was ist eine Deflation?

Bei einer Deflation sinken ganz allgemein die Preise. Dann werden nicht nur die Produkte immer günstiger, die durch Massenproduktion billiger hergestellt werden können (Unterhaltungselektronik, Möbel). Sondern zum Beispiel auch Lebensmittel, Pflegeprodukte, Benzin, Immobilien und vieles mehr, was normalerweise von Jahr zu Jahr teurer wird.

Genau genommen muss bei einer Deflation nicht alles günstiger werden. So wie in normalen Zeiten nicht alles immer teurer wird. Es geht vielmehr um den Durchschnitt, die sogenannte Teuerungsrate. Dafür stellen sich Wirtschaftsforscher einen Warenkorb vor, in den sie alles hineinpacken, was ein Durchschnittsbürger braucht, von Miete über Getränke bis hin zu Eintrittskarten und Versicherungen. Die Gesamtkosten für diesen Warenkorb vergleichen sie dann mit dem Preis für den Warenkorb im vergangenen Jahr.

Wenn dieser Warenkorb unterm Strich immer günstiger wird, dann spricht man von Deflation. Sie ist dadurch das Gegenteil zur Inflation, bei dem der Warenkorb von Jahr zu Jahr teurer wird.

Deflation - wenn alles billiger wird!

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Wie entsteht eine Deflation?

Eine Deflation entsteht dadurch, dass dem Angebot eine zu geringe Geldmenge gegenübersteht. Vereinfacht ausgedrückt: Es wird mehr von Unternehmen produziert als von Verbrauchern gekauft. Woran kann das liegen? Im Grunde gibt es zwei Arten von Deflation, und beide haben ihre eigenen Ursachen.

Preisdeflation

Hier führt eine sinkende Nachfrage flächendeckend zu sinkenden Preisen. Warum weniger gekauft wird? Zum Beispiel, weil die folgenden Entwicklungen auftreten oder sogar zusammentreffen:

  • Unternehmen haben immer mehr Fabriken aufgebaut, zum Beispiel um Smartphones zu produzieren. Irgendwann aber besitzt jeder ein Smartphone und ist nicht bereit, sich jedes Jahr ein neues zu kaufen. Es entsteht ein Überangebot. Nun bieten die Unternehmen ihre Waren billiger an, um sie noch loszuwerden.
  • Eine unerwartete Krise führt zu weniger Käufen. Zum Beispiel, weil die Verbraucher wie etwa während der Corona-Pandemie nicht einkaufen gehen konnten. Oder weil sie bei einer Wirtschaftsflaute („Rezession“) um ihren Job fürchten und ihr Erspartes lieber zurückhalten.
  • Wenn die Preise dauerhaft sinken, können Verbraucher auf die Idee kommen, geplante Käufe zu verschieben. Denn es ist wahrscheinlich, dass sie die gewünschte Ware kurz darauf noch günstiger bekommen. Die Nachfrage sinkt weiter.

Geldmengendeflation

Bei einer Geldmengendeflation ist nicht mehr so viel Geld im Umlauf, wie alle Waren und Dienstleistungen wert sind. Zu wenig Geld? Das kann zum Beispiel dadurch passieren:

  • Wenn der Staat dauerhaft mehr ausgibt als einnimmt, könnte er seine Ausgaben kürzen, um Schulden zu vermeiden. Es würde weniger gebaut, weniger Personal in Behörden eingestellt, weniger an Sozialleistungen gezahlt. Dadurch kommt weniger Geld bei Unternehmen beziehungsweise den Bürgern an.
  • Unternehmen kaufen mehr Güter im Ausland ein als sie liefern. Unterm Strich landet also mehr Geld im Ausland, als von dort zurückfließt. Dieses Kapital fehlt dann im Inland.
  • Zentralbanken können den Leitzins erhöhen, etwa um eine zu hohe Inflation zu stoppen. Dadurch werden Kredite teurer, Unternehmer und Verbraucher leihen sich umso weniger Geld.
Luftaufnahme von einem Parkplatz mit Dutzenden Neuwagen
© istock/Elena Perova/2019  Wenn Unternehmen ihre Produkte nicht mehr loswerden, müssen sie ihre Preise und ihre Kosten senken – das kann zu Entlassungen führen.

Corona: Droht uns eine Deflation?

Corona: Droht uns eine Deflation?

Einige Faktoren, die zu einer Deflation führen können, sind auch im Zuge der Corona-Pandemie zu beobachten: Volle Lager bei monatelang geschlossenen Geschäften. Reiseveranstalter und Fluggesellschaften mit einem Bruchteil der Kunden. Halbleere Restaurants.

Trotzdem sind die Preise bislang kaum gesunken. Denn andere Faktoren wirken dagegen. Durch Kurzarbeitergeld werden Entlassungen vermieden, die Betroffenen können weiterhin das Nötigste einkaufen. Eine zeitweilige Mehrwertsteuersenkung soll den Konsum zusätzlich ankurbeln. Ein Konjunkturpaket bringt weiteres Kapital in den Markt. Das macht sogar höhere Preise möglich.

Es bleibt also abzuwarten, ob die Krise zu einer Deflation führt, zu einer Inflation – oder ob sich schnell alles wieder in gewohnten Bahnen bewegt.

Gewinner und Verlierer: Welche Folgen hat eine Deflation?

Verbraucher können sich in einer Deflation zunächst freuen: Die Waren werden immer billiger. Neben dem Fernseher ist auf diese Weise plötzlich vielleicht noch eine Soundanlage drin. Auch für Sparer zahlt sich eine Deflation aus: Wer ordentlich Guthaben angesammelt hat, der kann sich davon umso mehr leisten.

Auf lange Sicht kennt eine Deflation aber fast nur Verlierer. Zuerst trifft es die Unternehmen. Sie machen weniger Gewinn. Möglicherweise werden sie ihre Waren sogar gar nicht mehr los, weil die Verbraucher ihr Geld lieber zurückhalten, um später noch günstiger einzukaufen. In dieser Lage werden die Unternehmen kaum noch investieren. Im Gegenteil: Sie müssen die Produktion möglicherweise drosseln und Mitarbeiter entlassen. Die haben dann umso weniger im Geldbeutel und kaufen ihrerseits immer weniger – und die Deflationsspirale dreht sich weiter.

Als Nächstes trifft es den Staat. Weniger Unternehmensgewinne und mehr Arbeitslose heißt für ihn: weniger Steuern. Und damit weniger Möglichkeiten, selbst zu investieren.
Weniger Waren, weniger Jobs, weniger Steuern: Am Ende leiden auch die Verbraucher, die sich anfangs noch über sinkende Preise freuten.

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