Ein Frau blickt schockiert auf das Preisschild einer Bluse
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“Was, so viel kostet das jetzt!?” – Darum macht die Inflation alles teurer

Detlev Neumann
von Detlev Neumann, 08.01.2020

„Früher war alles billiger!“ Ja, an Opas Spruch ist etwas dran. Jedenfalls stimmt er für viele Dinge des täglichen Bedarfs. Dafür gibt es einen Fachbegriff: die Inflation. Sie zeigt, in welchem Ausmaß Preise ansteigen. Aber warum tun sie das? Und wieso wird Ihr Geld deswegen immer weniger wert? Und weshalb kann das sogar gut sein? Die KlarMacher lüften das Geheimnis der Inflation.

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Inflation einfach erklärt

Auf lange Sicht steigen die Preise allgemein an. Mal schneller, mal langsamer, aber stetig. Das zeigt ein regelmäßiger Vergleich. Das übliche Ergebnis: Was vor zwölf Monaten noch für einen Euro zu haben war, das kostet heute mehr. Damit ist der Euro jetzt weniger wert als vorher, weil Sie weniger dafür bekommen.

Dafür haben Fachleute einen Begriff: Inflation, auch Geldentwertung genannt. Laut Definition steht sie für den Effekt, dass viele Produkte im Laufe der Zeit teurer werden. Gemessen wird die Inflation monatlich sowie jährlich in Prozent. Beispiel: Von 2017 bis 2018 sind die Preise in Deutschland um 1,8 Prozent angestiegen. Anders ausgedrückt: Der Wert eines Zehn-Euro-Scheins war in diesem Jahr für jeden Bundesbürger um 18 Cent gesunken.

Der statistische Warenkorb

Der statistische Warenkorb

Das Statische Bundesamt ermittelt regelmäßig die Inflationsrate. Wie? Mithilfe eines virtuellen Warenkorbs. In den kommen etwa 750 Dinge des täglichen Bedarfs. Auf dem Einkaufszettel stehen zum Beispiel Lebensmittel, Mieten, Kühlschränke, Fahrzeuge, Friseurbesuche, Handwerkerarbeiten und Versicherungspolicen. Von allen Produkten und Dienstleistungen wird der Durchschnittspreis gesucht und alles zusammengezählt. Die Gesamtsumme wird mit den Vorjahren verglichen. Um wie viel Prozent ist der Warenkorb teurer geworden? Das Ergebnis ist die Inflations- oder auch Teuerungsrate. 

Als normal und unbedenklich gilt eine Inflationsrate von bis zu zwei Prozent. Diese Grenze wird sogar als optimal angesehen. Der Grund: In der Höhe soll sie ein Puffer gegen die Deflation sein – das Gegenstück zur Inflation. In einer Deflation sinken die Preise. Die Gefahr: Die Verbraucher könnten weniger ausgeben, weil sie auf noch günstigere Preise warten, die Unternehmen machen weniger Gewinn und investieren weniger, Entlassungen drohen, die Wirtschaft käme zum Erliegen.

Dann doch lieber Inflation, entschieden die Wirtschaftslenker. Denn dann würden die Unternehmen weiter investieren, weil sie auf steigende Preise und Gewinne hoffen. Wenn gleichzeitig die Löhne steigen, gehen die Verbraucher weiter einkaufen, die Wirtschaft bleibt im Schwung.

Vergleich von Inflation und Tariflohn

Ein Arbeiter in Latzhose und mit Handschuhen zählt 500-Euro-Scheine
© istock/Devenorr/2018  Das Wechselspiel zwischen Inflation und Einkommen lässt den Wert des Lohns mal weniger und mal mehr schwanken.

Wenn die Preise regelmäßig immer weiter steigen, müssten wir uns dann nicht immer weniger leisten können? Nein. Zum einen werden manche Produkte durch neue Produktionsmethoden immer günstiger, zum Beispiel Unterhaltungselektronik. Zum anderen steigen nicht nur die Preise, sondern auch die Löhne. Allerdings nicht im Gleichschritt. Wie sich zwischen 2005 und 2018 Inflation und Tariflohn in Deutschland durchschnittlich entwickelt haben, zeigt die folgende Tabelle.

Vergleich von Inflationsrate und durchschnittlichem Tariflohn in Deutschland

JahrInflationsrateTariflohn
20051,5 Prozent0,1 Prozent
20061,6 Prozent-0,1 Prozent
20072,3 Prozent-0,1 Prozent
20082,6 Prozent0,3 Prozent
20090,3 Prozent2,3 Prozent
20101,1 Prozent0,7 Prozent
20112,1 Prozent-0,1 Prozent
20122,0 Prozent0,7 Prozent
20131,4 Prozent1,3 Prozent
20141,0 Prozent2,1 Prozent
20150,5 Prozent2,2 Prozent
20160,5 Prozent1,9 Prozent
20171,5 Prozent0,9 Prozent
20181,8 Prozent1,2 Prozent

Die wichtigsten Arten der Inflation

Aber was soll dieses Hase-und-Igel-Rennen zwischen Preisen und Einkommen? Könnte man beides nicht einfach einfrieren und fertig? Theoretisch: ja. Praktisch: nein. Das liegt unter anderem an der freien Marktwirtschaft, nach deren Regeln wir hier unser Geld verdienen und ausgeben. Somit gilt in Deutschland das Prinzip von Angebot und Nachfrage – wie in den meisten anderen Ländern auch. Das hat Auswirkungen auf die Preise. „Schuld” sind die sogenannte Angebotsinflation, die Nachfrageinflation oder die Geldmengeninflation. Was was ist? Schauen wir es uns an.

Eine stilisierte Euro-Skulptur mit zwölf Sternen vor dem Wolkenkratzer der EZB
© istock/tichr/2014  Die EZB in Frankfurt soll für den Euroraum die Inflation im Griff behalten.

Angebotsinflation

Die Angebotsinflation entsteht, wenn Unternehmen die Preise anheben, weil sie selbst mehr verdienen müssen. Zum Beispiel, weil Rohstoffe wie Öl, Metalle, Holz oder Chemikalien teurer geworden sind. Oder wenn sie ihren Mitarbeitern mehr Gehalt zahlen, damit die nicht abwandern. Oder auch einfach nur, weil ihre Aktionäre höhere Gewinne verlangen. Die Kunden müssen dann mehr für die Produkte und Dienstleistungen dieser Unternehmen bezahlen. Oder Sie bekommen für das gleiche Geld plötzlich weniger.

Nachfrageinflation

Auch hier spielen die Unternehmen eine entscheidende Rolle. Und zwar dann, wenn sie das obere Ende ihrer Leistungsfähigkeit erreicht haben. Was das heißt? Obwohl sie auf Hochtouren fertigen, können sie nicht so viel herstellen, wie die Kunden von ihnen kaufen wollen. Die Nachfrage ist also größer als das Angebot. Aus dieser Knappheit schlagen viele Unternehmen Kapital: Sie erhöhen die Preise für ihre heiß begehrte Ware. Dann müssen die Kunden dafür mehr zahlen. Im Umkehrschluss verliert auch in diesem Fall ihr Geld an Wert. Passiert das in großem Stil, nennt man das Nachfrageinflation.

Übrigens: Manchmal sorgen die Unternehmen mit Absicht dafür, dass nicht so viele Waren zur Verfügung stehen, wie sie verkaufen könnten. Denn solche Artikel bleiben dann womöglich länger begehrt und erzielen hohe Preise.

Geldmengeninflation

Was soll ein Staat tun, wenn er hohe Schulden hat oder die Wirtschaft schwächelt? Eine Idee liegt dann immer besonders nahe: einfach mehr Geld drucken. Das geht schnell und ist billig. Mit diesem Geld kann man dann die Schulden bezahlen, Kredite für Investitionen vergeben oder staatliche Aufträge vergeben, um die Wirtschaft anzukurbeln. Das Ergebnis: Mehr Reichtum für alle.

Das klingt zwar einleuchtend. In der Praxis sieht das allerdings oft anders aus. Weil die Bürger mehr ausgeben können, erhöhen die Unternehmen kurzerhand ihre Preise. Oder: Die Menschen wissen nicht, wohin mit ihrer höheren Kaufkraft, weil die angeschlagene Wirtschaft mit der Produktion nicht hinterherkommt. Auch dann können die Preise ansteigen (Nachfrageinflation). In beiden Fällen verliert das Geld an Wert.

Die deutsche Hyperinflation von 1923

Die deutsche Hyperinflation von 1923

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg (1914 bis 1918) stand das Deutsche Reich vor der Zahlungsunfähigkeit. Die Hauptgründe: Die militärischen Ausgaben hatten zig Milliarden Reichsmark verschlungen. Außerdem musste Deutschland den Siegern Reparation (Schadenersatz) leisten.

Um trotzdem ihren Verpflichtungen nachzukommen, warf die Regierung die Notenpresse an – und ließ sie laufen und laufen. Die Folge war die größte Geldmengeninflation in der deutschen Geschichte. Preise und Löhne kletterten in groteske Höhen. Beispiel: Im November 1923 kostete ein Brotlaib 5,6 Milliarden Mark! Gegen diese sogenannte Hyperinflation führte das Deutsche Reich im Oktober 1924 eine neue, vor allem von den USA gestützte Rentenmark ein. Damit war die Hyperinflation überstanden. 

Gewinner und Verlierer der Inflation

Von der Inflation profitieren vor allem Schuldner. Denn die Summe, die sie als Kredit aufgenommen haben, bleibt gleich: Stehen 10.000 Euro im Schuldbuch, müssen sie auch nur 10.000 Euro zurückzahlen – egal, was der Euro wert ist. Was das bedeutet, zeigt das Beispiel der deutschen Hyperinflation (siehe Kasten): Wer vorher einen Kredit von 1.000 Reichsmark aufgenommen hatte, konnte ihn währenddessen locker zurückzahlen.

Umgekehrt gehören die Gläubiger zu den Verlierern einer Inflation. Bleiben wir beim krassen Beispiel der Hyperinflation: Damalige Forderungen waren im Grunde nur noch so viel wert wie das Papier, auf dem sie standen. Auch der einfache Bürger hatte stark gelitten. Seine Ersparnisse lösten sich von einem Tag zum anderen quasi in Luft auf. Denn mit der Summe, die in seinem Sparbuch stand, konnte er sich auf dem Höhepunkt der Inflationswelle nicht einmal ein Pfund Butter kaufen. Ebenfalls negativ betroffen waren die Beschäftigten mit einem festen Einkommen, weil ihr Lohn stark an Wert verlor. Denn von einer Lohntüte bis zur nächsten war die Teuerungsrate oft enorm angestiegen.

Gibt es einen Schutz vor Inflation?

Eine Hand schützt zwei Stapel mit Münzen vor dem Dominoeffekt durch andere, fallende Stapel
© istock/AndreyPopov/2018  Mit den richtigen Investitionen kann das eigene Vermögen vor dem fallenden Wert bewahrt werden.

Eine existenzbedrohende Hyperinflation kommt zwar nur selten vor, doch auch die „normale”, langsame Form nagt nach und nach am Geldwert. Um das wenigstens auszugleichen, müssen Anleger eine Rendite erzielen, die der Inflationsrate entspricht. Das wäre zwischen 2017 und 2018 ein Zinssatz von 1,8 Prozent gewesen. Mit dem Sparbuch oder Girokonto ist das in Zeiten der Niedrigzinspolitik der EZB jedoch bis auf Weiteres unrealistisch.

Einen möglichen Schutz vor Inflation bieten Sachwerte, zum Beispiel Aktien, Edelmetallen oder Immobilien. Warum? Weil ihr Wert weitgehend unabhängig von der Zins- und Geldwertentwicklung ist. Das zeigt sich derzeit unter anderem an den Immobilienpreisen und Mieten in Deutschland. Weil Anleger an Spareinlagen praktisch nichts mehr verdienen, kaufen sie vermehrt Wohneigentum. Dieser Nachfrageschub treibt die Preise in die Höhe. Und wer viel für „Betongold“ bezahlt hat, der möchte die Investition durch höhere Mieten wieder hereinholen.

Wie gesagt: Wir reden hier über einen möglichen Schutz vor Inflation. Ob er funktioniert, hängt maßgeblich von der richtigen Auswahl der Aktien, der Immobilien oder anderer Sachwerte ab.

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