Vom Experiment zur Megashow

10.05.2011 | Redaktion Hanseatic Bank Magazin | Kategorie Allgemeines

Eurovision Song Contest © NDRMit 55 Jahren ununterbrochener Ausstrahlung ist der Eurovision Song Contest eine der ältesten Fernsehsendungen. Die Veranstaltung wurde gefeiert, verlacht, hoch gelobt, scharf kritisiert, totgesagt und wiederbelebt – zweifellos aber ist der ESC eine der erfolgreichsten Fernproduktionen aller Zeiten. Jährlich verfolgen über 100 Millionen Zuschauer den Liederwettstreit an den Bildschirmen. Inzwischen ist der Wettbewerb ein internationales mediales Ereignis, eine Kultveranstaltung für die wachsende Fangemeinde und ebenso Ausdruck eines Lebensgefühls in den Teilnehmerländern.
Als am 24. Mai 1956 die Europäische Rundfunkunion (European Broadcast Union, EBU) den ersten Grand Prix Eurovision de la Chanson ausrichtete, war er Komponistenwettbewerb und Fernsehereignis, ins Leben gerufen, um sowohl die internationale Unterhaltungsmusik als auch die regelmäßige Fernsehzusammenarbeit der EBU-Mitglieder zu fördern. Seit 2004 heißt der Wettbewerb offiziell Eurovision Song Contest und hat mit der kleinen Veranstaltung im Kursaal-Theater des schweizerischen Lugano kaum noch etwas gemein.

Damals standen höchstens zwei Personen in biederer Abendgarderobe auf der Bühne und trugen ihr Lied in ihrer Landessprache vor, das dann von einer Jury bewertet wurde. Jede Fernsehanstalt durfte Jurymitglieder und einen eigenen Dirigenten entsenden, der das Saalorchester leitete. Hintergrundchöre und Tanzeinlagen waren verboten. Unter diesen Umständen wäre ABBA 1974 nicht einmal als Bewerber zugelassen geschweige denn der erfolgreichste Teilnehmer in 50 Wettbewerbsjahren geworden.

Avantgardistisch war der Song Contest wohl nie, aber über die Jahre haben zahlreiche Änderungen des Reglements, vom Wegfall des Live-Orchesters und der Sprachregelung bis zur Einführung der Publikumswertung und Vorabveröffentlichung der Lieder, dazu geführt, dass die Veranstaltung zum bedeutenden Medienereignis und nicht zum Publikumslangweiler im Vorabendprogramm wurde.

Der Song Contest hat sich zum Performance Contest gewandelt. Heute stehen die Künstler in ihrer Gesamtinszenierung im Mittelpunkt. Schrille Kostüme, verrückte Frisuren, perfekte Outfits, beeindruckende Accessoires, Lichtshows, Backgroundsänger und Tänzer gehören genauso dazu wie ein eingängiges Lied, die richtige Vermarktungsstrategie und die PR-Arbeit im Vorfeld des Wettbewerbs. Und mancher vorn Platzierte hat schon mit einer eindrucksvollen Bühnenshow ein nur mäßiges Gesangstalent gut kaschiert.

Für viele Künstler bringt der ESC die erste Bühnenerfahrung vor großem Publikum, eine Chance, die es zu nutzen gilt. Und die moderne Technik, das Veranstaltungskonzept und die Medienstrategien sorgen dafür, dass die Künstler bereits vor dem Halbfinale gesehen, gehört und bewertet werden, im ursprünglichen Reglement ein Grund zur Disqualifikation. Alle Wettbewerbsbeiträge, die Lebensläufe der Teilnehmer, Proben, Interviews, Hintergrundinformationen, Skandale und Anekdötchen sind für jedermann frei verfügbar (http://www.eurovision.de). Die Buchmacher schließen Wetten auf die Platzierungen ab und Google weiß angeblich schon, wer gewinnt. Da braucht es keinen Sieg, um im Gespräch zu sein oder sogar für Größeres entdeckt zu werden.

Galt die Live-Übertragung in mehrere Länder damals noch als ambitioniertes technologisches Experiment, ist die Veranstaltung heute eine logistische Meisterleistung.
Neben den Wettbewerbsteilnehmern aus 43 Ländern und ihren Komponisten, Textern, Managern, Backgroundsängern und Tänzern werden auch zahlreiche Journalisten und natürlich etwa 100.000 Fans erwartet, die alle untergebracht, informiert, transportiert, unterhalten und rundum gut versorgt sein wollen. Der Wettbewerb braucht einen angemessenen Austragungsort mit großer Bühne, moderner technischer Ausstattung und ausreichender Zuschauerkapazität, zentral gelegen, sicher, gut erreichbar und für mindestens sechs Wochen durchgehend verfügbar. Neben der Hauptveranstaltung müssen zwei Halbfinals (am 10. und 12. Mai 2011), unzählige Proben, Pressekonferenzen und ein attraktives Rahmenprogramm organisiert werden. Und das alles innerhalb kürzester Zeit, von der Entscheidung für Düsseldorf bis zur ersten Veranstaltung standen gerade mal acht Monate zur Verfügung. Jede internationale Sportveranstaltung dieses Ausmaßes hat eine Vorbereitungszeit von Jahren.

Doch das karnevalserprobte Düsseldorf scheint diese Herausforderungen zu meistern. Für den Zweitligisten Fortuna wurde kurzerhand ein Ausweichstadion gebaut, damit die moderne Esprit-Arena mit Hilfe von 35 km Starkstromkabel, 2.200 Scheinwerfern, 25 Kameras, 90 Mikrofonen und jeder Menge kreativer Ideen zur Veranstaltungshalle für die Megashow umgerüstet werden kann. Die Organisationsbüros arbeiten auf Hochtouren. Die Stadt gibt sich gastfreundlich und in Feierstimmung. Die Vorfreude ist auf ihrem Höhepunkt, getreu dem Motto „Feel your heart beat!“

Schlagwörter: Düsseldorf, ESC, Eurovision Song Contest, Grand Prix

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