Phänomen Karneval

22.02.2011 | Redaktion Hanseatic Bank Magazin | Kategorie Allgemeines

Karneval©reises

Karneval, Fasching, Fastnacht – die fünfte Jahreszeit beginnt, wenn im Rheinland die Jecken ihre Wagen schmücken und in Südwestdeutschland die Narren die Häs abstauben. Für Karnevalisten und Faschingsfans sind die tollen Tage die wichtigsten des Jahres und die schönsten.
Und sie sind Höhepunkt und wohlverdienter Lohn für ein ganzes Jahr kreativer Vereinsarbeit in den mehr als 5.000 Karnevals- und Faschingsvereinen Deutschlands. In Köln beispielsweise wetteifern am Karnevalssonntag etwa 60 Schull- und Veedelzöch (Schul- und Stadtteilzüge) um die Teilnahme am Rosenmontagszug. Da ist Einfallsreichtum und Engagement gefragt, denn die Jury hat nur drei Plätze zu vergeben.

Karnevalsbräuche sind vielfältig und von Ort zu Ort verschieden. Generell unterscheidet man zwischen dem Rheinischen bzw. Rheinhessischen Karneval, dessen Höhepunkte Festsitzungen und Festumzüge unter einem jährlich neuen Motto sind, und der in Südwestdeutschland gefeierten schwäbisch-alemannischen Fastnacht. Hier ziehen, angelehnt an mittelalterliche Traditionen der Teufels- und Dämonenvertreibung, maskierte Narren in den immer gleichen, mancherorts sogar geerbten Kostümen (Häs) lärmend durch die Straßen.

Die eigentliche Fastnacht ist in der katholischen Kirche die Nacht vor der am Aschermittwoch beginnenden vorösterlichen Fastenzeit. Die Kirche im Mittelalter erlaubte mit dem Karneval eine begrenzte Zeit der Feierns, der Ausschweifung und der kleinen Sünden, damit die Menschen anschließend umso bereitwilliger Fasten, Beichten und Enthaltsamkeit zur Vorbereitung auf das Osterfest auf sich nahmen. Martin Luther bezweifelte die Wirksamkeit dieser vorrübergehenden Zügellosigkeit wie der kirchlich verordneten Fastenpflichten im Allgemeinen und schaffte die strenge Fastenzeit ab. Deshalb wird der Karneval in vielen evangelisch geprägten Gebieten seit der Reformation nicht mehr gefeiert.

Der älteste Brauch zur Karnevalszeit sind die ausschweifenden Feste mit üppigem Essen und anregenden Getränken, mussten doch die Lebensmittel wie Fett, Fleisch, Eier, die in der Fastenzeit verboten waren, verbraucht werden. Heute erinnern Fettgebackenes, deftige Speisen und nicht zuletzt die Kamelle die Feiernden daran, nochmals kräftig zuzulangen, bevor die entbehrungsreiche Zeit beginnt.

Karneval heißt es, sei die Regierung der Narren. Die Narren, in der mittelalterlichen Ständehierarchie auf letzter Stufe, hatten nichts zu verlieren, weder Ansehen noch die Achtung vor Gott und konnten deshalb zügellos feiern und reden wie ihnen der Schnabel gewachsen war. In vielen Orten beginnen die Karnevalsfeiern am Donnerstag vor Fastnacht mit dem symbolischen Sturm auf das Rathaus. Die Repräsentanten des Narrenvolkes in Gestalt des Prinzenpaares oder des Dreigestirns etc. übernehmen die Macht und eröffnen das närrische Treiben in den Sitzungssälen und auf der Straße. Im 17. Jahrhundert wurde z.B. auf prächtigen Hoffesten zur Fastnacht das „Mainzer Königreich“ proklamiert. Das Los teilte jedem Teilnehmer ohne Rücksicht auf Stand und Herkunft seine neue Rolle zu. 1668 musste der Kurfürst als Mundschenk seine Gäste selbst bedienen.
Und es ist nach wie vor von großem Reiz, in die Rolle eines anderen zu schlüpfen, ungestraft über unliebsame Zeitgenossen zu lästern und unerkannt verbotene Dinge zu tun. Oder wie wäre es sonst zu erklären, dass eingefleischte Hardrock-Fans zu volkstümlicher Schlagermusik tanzen, ultracoole Teenies gemeinsam mit ihren sonst seriösen Eltern dazu schunkeln, immer korrekte Krawattenträger in schrägen Kostümen dem Rosenmontagszug folgen, sonst eher unauffällige Menschen enthusiastische Büttenreden halten?
Überhaupt die Büttenreden – sie sind für manche Politiker, Prominente und Lokalgrößen nicht immer leicht verdauliche Kost. Da wird, in scherzhaften Reimen zwar, aber inhaltlich sehr realitätsnah kritisiert, verrissen und hochgenommen, was den einfachen Bürger bewegt, belustigt und auf die Palme bringt. Diese Tradition entwickelte sich speziell in Deutschland, boten doch die Karnevalsvereine unter dem Vorwand der Brauchtumspflege und der Rede- und Meinungsfreiheit des Narren eine gute Plattform, sich über die Obrigkeit auszulassen und politische Botschaften zu verbreiten. In den Karnevalshochburgen gehört es für Regionalpolitiker auch heute noch zum guten Ton, an den Fastnachtssitzungen teilzunehmen, auch wenn sie beißenden Spott über sich, ihre Partei oder Politik ergehen lassen müssen.

Bald ist es wieder so weit und tausende Menschen werden zu Narren, Jecken, Karnevalisten. Sie kümmern sich vielleicht nicht um die ursprüngliche Bedeutung der Fastnacht, aber sie lieben die ausgelassene Fröhlichkeit, die Abwechslung im alltäglichen Leben, die Übertreibung und die Überraschung, eben genau ein paar Tage verkehrte Welt.

Schlagwörter: Bräuche, Fastnacht, Karneval, Narren

RSS Artikel abonnieren (RSS)
Twitter Folge uns auf Twitter
Newsletter Newsletter abonnieren