Markt und Moral – oder: „Kauf dich glücklich“

20.11.2013 | Redaktion Hanseatic Bank Magazin | Kategorie Allgemeines

Im Einkaufszentrum zum Glück?Markt, Moral und Glück – das sind drei ziemlich große Begriffe für eine einzige Überschrift. Worum geht es?

Das Einzelhandelskonzept „Kauf dich glücklich“ hat rund 220 Quadratmeter Einzelhandelsfläche an der Rosenthaler Straße 17 am Hackeschen Markt in Berlin angemietet. Neben den bereits bestehenden Filialen ist das der dritte und größte Standort des Unternehmens in Berlin. Die Eröffnung des neuen Flagship Stores ist für das Frühjahr 2014 geplant.

„Kauf dich glücklich“ ist ein Berliner Unternehmen, das mittlerweile in acht deutschen Städten Läden betreibt, in Hamburg, Frankfurt, Münster, München, Düsseldorf, Stuttgart, Köln und Bremen – zusätzlich gibt es einen Onlineshop.

Das Streben nach Glück

Da drängt sich die Frage auf, wie sehr der Name Programm ist. Haben die Betreiber sich womöglich auf Kaufsüchtige spezialisiert? Tummeln sich in den Geschäften Kunden auf der Suche nach dem einundvierzigsten Paar Schuhe oder der dreiunddreißigsten Handtasche – und kaufen sie dort etwa Dinge, die sie nicht brauchen, für Geld, das sie nicht haben, um Leuten zu imponieren, die sie nicht mögen?

Oder haben die Betreiber Andrea Dahmen und Christoph Munier einfach nur einen sehr feinen Sinn dafür entwickelt, wonach sich die Menschen heute sehnen und nehmen dabei die Kommerzialisierung aller Lebensbereiche ironisch und selbstkritisch aufs Korn. Dann haben die beiden den Zeitgeist auf die kürzest mögliche Werbeformel gebracht und gleichzeitig wunderbar karikiert.

„Wir verkaufen eben nicht nur Mode, sondern auch das „Kauf-dich-glücklich-Lebensgefühl“ beschreibt Andrea Dahmen ihre Motivation in einem TAZ-Interview. „Der Sinn des Lebens besteht darin, glücklich zu sein“, verkündet der Dalai Lama. Auch der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler beschäftigte sich in einer Berliner Rede mit dem Thema Glück. „Das Streben der Menschen nach Glück verändert die Welt“, sagte er. Das Recht auf das Streben nach Glück ist sogar Bestandteil der amerikanischen Verfassung.

Doch: „Wer nichts über Glück weiß, kann es auch nicht finden. Wer hingegen viel über Glück weiß, kann es sogar trainieren“, erklärt Manfred Spitzer, Hirnforscher an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm. Und: Die glücklichsten Menschen in Europa sind einer Studie der Ernst Freiberg-Stiftung zufolge die Dänen. Ob es dort besonderes viele Läden gibt, in denen man Glück in Tüten kaufen kann?

Shoppen macht nur kurzfristig glücklich

Das Thema ist aber durchaus ernst. Prof. Dr. Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), fragt sich, in wieweit der Markt die Menschen beeinflusst oder umgekehrt der Markt die Moral korrumpiert. Für den Liberalismus sei diese Frage geradezu ein historisches Dilemma geworden. Im Zeichen des „Neoliberalismus“ hat die Problematik wieder stark an Aktualität gewonnen. Mehr denn je werden die geltenden Marktprinzipen als selbstzerstörerisch wahrgenommenen.

Nicht zuletzt die Finanzkrise hat die Menschen hellhörig gemacht. Europäer reiben sich verwundert die Augen, wenn sie nach Amerika schauen, wo Kaufen zuweilen als patriotische Heldentat angesehen wird. Der Konsum soll die Binnenwirtschaft ankurbeln und dazu beitragen, das Wirtschaftswunderland USA zu stabilisieren.

So kommen wir vom Glück über die Moral zum Markt. Der Markt soll alles richten – doch kann er das auch? Bemisst sich wirklich jeder Wert an der Nachfrage? Neuerdings sprechen Lehrer von Schülermaterial, Arbeitssuchende werden als Kunden bezeichnet und in Krankenhäusern werden keine Menschen mehr behandelt sondern Fälle. Und wie gehen wir um mit der Nachfrage bzw. dem Bedürfnis nach Zuwendung, Beziehung oder Anerkennung?

Spätestens jetzt wird deutlich, dass Kaufen allenfalls eine kurze Freude hervorruft, aber keine Grundlage des Glücks sein kann. Glücksfaktoren sind nach Prof. Dr. Karlheinz Ruckriegel von der Georg-Simon-Ohm Hochschule in Nürnberg: gelingende soziale Beziehungen, die Erfahrung von Zugehörigkeit, physische und psychische Gesundheit, befriedigende Erwerbs- oder Nichterwerbs-Arbeit und persönliche Freiheit.

Selbstverständlich gehören auch ausreichende Mittel zur Befriedigung der materiellen Bedürfnisse dazu. Prof. Ruckriegel schreibt: „Wer ein erfülltes Leben führen will, sollte Ziele verfolgen, die mit persönlichem Wachstum, zwischenmenschlichen Beziehungen und Beiträgen zur Gesellschaft verbunden sind“.

Auch aufgrund dieser Überlegungen ist die Enquête-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des Deutschen Bundestags am 15.4.2013 zu dem Ergebnis gekommen, Wohlstand neu zu definieren und dabei die drei Faktoren Ökonomie, Ökologie und Soziales zu berücksichtigen und nicht mehr nur das Bruttoinlandprodukts (BIP) als Maß aller Dinge zu sehen.

Ein Zitat zum Schluss: „Nicht die Dinge selbst, sondern nur unsere Vorstellung über die Dinge macht uns glücklich oder unglücklich.“ Das wusste der antike Philosoph Epiktet bereits kurz nach Beginn unserer Zeitrechnung.

Und wie halten wir es mit „Kauf dich glücklich“? Am besten werden wir dort regelmäßig Kunde und schließen gleich noch ein Abo über eine regelmäßige Portion Glück ab – hoffentlich ohne Kleingedrucktes, ohne versteckte Gebühren und mit anständigen Kündigungsfristen. Das wäre auch eine nette Geschenkidee.

Im Übrigen ist das Glück selbst ein Geschenk, das sich spontan und ohne Gegenleistung bei denen einstellt, die es erkennen. Man kann es nicht kaufen, erarbeiten oder herbeizitieren – nur anderen und sich selbst kann man es wünschen. In diesem Sinne: Viel Glück.

Schlagwörter: Markt, Moral, Glück

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